Sexualpräferenz

Die Sexualpräferenz oder sexuelle Neigung jedes Menschen lässt sich als eine vielschichtige Struktur beschreiben.
Um allen Ebenen dieser Struktur gerecht zu werden müssen in einem diagnostischen Gespräch die sexuellen Vorlieben eines Menschen in allen Bereichen seines sexuellen Erlebens und Verhaltens erfragt.

Drei Bereiche (sogenannte Achsen) sind für den Sexualmediziner hierbei von besonderer Bedeutung:

  1. Welches Geschlecht (männlich, weiblich, männlich und weiblich) ein begehrter Sexualpartner haben soll.
  2. Welches körperliche Entwicklungsalter ein Mensch sexuell bevorzugt. Hier werden im Wesentlichen ein vor-, ein peri- oder ein postpubertäres Körperschema unterschieden.
  3. Welche besonderen Merkmale (Art und Weise) der gewünschte Sexualpartner und/oder eine sexuelle Interaktion haben sollen, um als besonders sexuell erregend erlebt zu werden. Zu dieser dritten Achse gehören daher sexuelle Praktiken (z.B. a tergo, fesseln, urinieren…) ebenso wie Materialvorlieben (z.B. Lack, Leder, Strümpfe…) oder andere Bedürfnisse (z.B. Tiere, Gewaltanwendung…)

Die Sexualpräferenz eines Menschen entwickelt sich bis zu dessen Pubertät und bleibt als Bestandteil seiner Persönlichkeit von da an unveränderlich bestehen. Welche Inhalte von einem erwachsenen Menschen als sexuell ansprechend empfunden werden, ist daher von ihm nicht frei gewählt, sondern sein Schicksal.

Diese Präferenz findet auf drei sexuellen Erlebnisebenen ihren Ausdruck:

  1. In sexuellen Fantasien zeigt sie sich besonders deutlich in vorgestellten Geschichten, dem sogenannten "Kopfkino" bei der Selbstbefriedigung.
  2. Konkretes sexuelles Verhalten eines Menschen kann sich auf das in den sexuellen Fantasien bevorzugte Geschlecht, Entwicklungsalter und Vorgehen beziehen, kann aber auch davon abweichen.
  3. Das sexuelle Selbstkonzept gibt wieder, wie sich ein Mensch selbst in sexueller Hinsicht einordnet (z. B. "schwul", "dominant", "asexuell", "Fetischist" ...) bzw. seine Fantasien und sein Verhalten persönlich wertet.

Doch auch wenn die sexuellen Wünsche eines Menschen nicht verändert werden können, kann auf die Ebenen des sexuellen Verhaltens und des sexuellen Selbstkonzepts Einfluss genommen werden. Aus diesem Grund können Fantasie, Verhalten und Selbstkonzept voneinander abweichen.

Ein Beispiel hierfür wäre ein Mann, der sich sexuell von erwachsenen Männern angesprochen fühlt, was Ausdruck in seinen Sexualfantasien findet. Im Unterschied zu seinen Fantasien geht er in seinem sexuellen Verhalten nur sexuelle Kontakte mit Frauen ein. Das dazugehörige Selbstkonzept könnte sein: "Ich bin bisexuell".

Im Laufe seiner persönlichen Entwicklung würde eine zunehmende Akzeptanz seiner sexuellen Fantasien und Bedürfnisse dazu führen, dass er auch sexuelle Kontakte zu Männern aufnimmt. Sollte er diese im Einklang mit seinen Fantasien als sexuell befriedigender erleben, würde er ggf. seine sexuellen Kontakte zu Frauen einstellen und sich nach einiger Zeit als "schwul" "outen". Sein Selbstkonzept wäre nun ein anderes.

Während also die Inhalte der sexuellen Präferenz in der Fantasie immer unverändert bleiben, kann deren Umsetzung ins konkrete Verhalten von einem Menschen selbst unterbunden oder therapeutisch beeinflusst werden. Dieser Zusammenhang ist für die Therapie pädophiler oder hebephiler Männer von zentraler Bedeutung.